Neues vom ideologischen Feminismus

Nachdem am 20. November auf der Mitgliederversammlung der American Anthropological Association eine überwältigende Mehrheit dafür stimmte ‚Boycott, Divestment, Sanction‘, kurz BDS, zu unterstützen und dieser Beschluss nun nur noch in einer elektronischen Abstimmung bestätigt werden muss, folgte vergangene Woche die National Women’s Studies Association (NWSA). Auf deren jährlicher Mitgliederversammlung stimmten 88,4% der Anwesenden für die Unterstützung von BDS.

Bereits im Januar hatte die NWSA in einem „Solidarity Statement“ ihre Unterstützung von BDS kundgetan. Nun folgt der offizielle Beschluss, in dem es unter anderem heißt: „In the spirit of this intersectional perspective, we cannot overlook the injustice and violence, including sexual and gender-based violence, perpetrated against Palestinians and other Arabs in the West Bank, Gaza Strip, within Israel and in the Golan Heights, as well as the colonial displacement of hundreds of thousands of Palestinians during the 1948 Nakba. […] As members of NWSA who are committed to justice, dignity, equality and peace, we affirm our opposition to the historical and current injustices in Palestine that we view as part and parcel of the multiple oppressions we study and teach about.“i

Nicht nur, dass selbstverständlich der Mythos der „Nakba“ reproduziert wird. Zugleich wird das Leid palästinensischer Frauen als ein durch israelische Besatzung hervorgerufenes dargestellt. Neben der klassischen Dämonisierung Israels, die für das BDS Umfeld konstitutiv ist, relativiert diese Argumentation auch das Leid, das im Namen des autoritär-patriarchalen Islam Frauen zugefügt wird. In dem ganzen Beschluss findet sich so kein Wort zur defizitären Stellung der Frau in islamischen Gesellschaften im Allgemeinen und in der palästinensischen im Besonderen. Palästinensische Frauen verdienen weniger als Männer und sind im öffentlichen Dienst deutlich unterrepräsentiert, ihre Aussagen zählen weniger vor Gericht. Mindestens die Hälfte aller Ehen sind Zwangsverheiratungen (um den euphemistischen Begriff der „arrangierten Ehe“ zu vermeiden), in ländlichen Gegenden deutlich mehr. Vergewaltigungen, psychische und physische Gewalt bis hin zu Genitalverstümmelung und „Ehrenmorden“ gehören zum Alltag. Von vielen Frauen selbst wird diese Gewalt als legitim empfunden, wenn die Frau sich bestimmten gesellschaftlichen Regeln widersetzt hat. Einher mit dem Elend geht die Furcht der Frauen unrecht empfundene Gewalt anzuklagen, da sie beispielsweise im Falle einer Vergewaltigung mit weiterer Gewalt seitens ihrer Familie bis zum Mord rechnen müssen.

Doch das ist den Feministinnen von NWSA egal. Offensichtlich ist an ihrer Argumentation die antisemitische Grundlage, die jegliches realexistierende Unrecht Frauen gegenüber vernachlässigt und sich damit begnügt wahnhaft gegenüber Israel Stellung zu beziehen. Charakteristisch ist hierfür das absolute Vorbeisehen an gesellschaftlicher Realität, die zur Gelegenheit für den Wahn verkommt, wie es bei Antisemiten typisch ist: „Die Idee, die keinen festen Halt an der Realität findet, insistiert und wird zur fixen.“ (Adorno, Horkheimer 2013, 199)

Hervorzuheben ist auch wie Antisemitismus und Intersektionalitätstheorien, bzw. der „spirit of [the] intersectional perspective“ Hand in Hand gehen. Dies tritt in Artikeln der israelhassenden Rackets offen zu Tage: Neben dem alten „Pink-washing“-Vorwurf ist natürlich auch wieder von Apartheid die Rede.ii Israelische Politik wird als koloniale Praktik bezeichnet, gegen die sich die feministische, antikoloniale Bewegung einzusetzen hätte, BDS wird so rationalisiert als gerechter Kampf auf Seiten der Unterdrückten dieser Erde, dem sich ein solidarischer Feminismus anzuschließen hätte.iii Auch die Argumentation, die Israel die Verantwortung für die Gewalt palästinensischer Männer gibt, ist keine Seltenheit. So erklärte Navi Pillay, UN-Hochkommissarin für Menschenrechte 2014, dass es letztendlich Israels Schuld sei, wenn palästinensische Männer ihre Frauen schlagen. Die Gewalt sei eine Konsequenz israelischer Besatzung.iv Auch im diesjährigen Bericht der UN zu Frauenrechten wurde die Rolle, die Israel bei der Unterdrückung der palästinensischen Frauen spielt, herausgehoben. Die Besatzung bliebe das „Haupthindernis für palästinensische Frauen, was ihre Fortschritte, ihre Eigenständigkeit und ihre Integration in die Entwicklung ihrer Gesellschaft betrifft“v. Man kennt es ja: An allem sind die Juden schuld. Hier gibt der Feminismus im antisemitischen Wahn sogar seinen langen Kampf gegen Nebenwiderspruchsargumentationen auf und erklärt die Unterdrückung von Frauen schlicht mit den Juden. Einher gehen diese Argumentationen mit dem rassistischen Bild des muslimischen Mannes, dessen Handeln als völlig fremdbestimmt verklärt wird. Zusätzlich wird ihm damit natürlich die Verantwortung genommen.

Die Liste ideologischer Widerlichkeiten ließe sich fortführen, wirft aber doch vor allem die Frage nach der regressiven Bedingtheit postmoderner Herrschaftskritik auf. Die Tradition des Antisemitismus explizit in feministischen Bewegungen hat Ljiljana Radonic herausgearbeitet, die beispielsweise auf den Mythos des Judentums als der patriarchalen Religion, die das Matriarchat zerstörte, auf die Gleichsetzung von Antifeminismus mit Antisemitismus und auf die Verquickung von Antifaschismus und Antizionismus hinweist.vi Auch die Ausfälle Judith Butlers und ihrer Gefolgschaft sind bekannt. Diese liegen mitbegründet in der Argumentationstruktur postmoderner Theorien, die mit dem Verlust eines konkreten Objekts, das als Vermitteltes entwickelt werden kann, auch jeglichen Wahrheitsanspruch und dementsprechend die Möglichkeit der Kritik im Sinne einer tatsächlich besseren Gesellschaft verlieren.

Feministische Kritik, die nicht zum Instrument der Rackets verkommen ist, eine, die sich in Erfahrung der eigenen Ohnmacht nicht dem falschen Frieden zuwendet, sondern diese in eine sich selbst reflektierende Bewegung verwandelt und mit materialistischer Kritik anreichert, eine, der es um die Aufhebung aller gesellschaftlichen Verhältnisse geht, in denen der Mensch ein erniedrigtes Wesen ist, die darum es sich zur Aufgabe macht Ideologien als notwendig falsches Bewusstsein zu kritisieren, müsste sich gerade auch dem Islam vehement entgegenstellen, der nicht nur die Frau zum Objekt macht, das dem Mann gehört und diesem gehorchen und zur Verfügung stehen muss, sondern sich auch in seinen schlimmsten Konsequenzen gegen das Leben an sich wendet. Wer sich hier von einem falschen Rassismusbegriff hemmen lässt oder in oben beschriebenen Argumentationen versinkt, verdoppelt das Bestehende. Dementsprechend muss die NWSA vor allem als antisemitisch, aber auch als rassistisch und antifeministisch begriffen und kritisiert werden. Gleiches gilt für die vielen weiteren akademischen Verbände, die in die BDS Bewegung involviert sind. Feministische Kritik, die sich nicht zur Ideologie verhärtet hat, muss sich auch ideologischen Feminismus zum Gegenstand machen und darf nicht an den Grenzen der westlichen Welt enden, sondern muss – jedem postmodern-kulturrelativistischem Impetus zum Trotz – universal und damit global Geltung beanspruchen.

 

 

vi Radonic, Ljiljana (2004): Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnis und Antisemitismus.

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